Fotos (2): Agentur Hübner

Ein spiritueller Kirchenführer der Propstei Bad Harzburg bringt kirchenfernen Besuchern Kanzel, Altar und Taufstein näher. Damit wurde die Bergkirche St. Bartholomäus zu einem Ort, an dem interessierte Menschen sowohl zu Gott als auch zu sich selbst finden können.

"Die Kirche muss dieser Bandbreite an Gästen gerecht werden", sagt Janis Berzins, Pfarrer in Braunlage mit Zusatzauftrag Kurseelsorge. Denn im Urlaub, so seine Erfahrung, kommen Fragen, die im Alltag verschüttet werden, ans Tageslicht". Gottesdienste in den Kirchen der Harzorte oder im Freien würden sehr gut besucht. Die Veranstaltungen der Gemeinden sowie des Arbeitskreises "Freizeit und Erholung/Harz" und der "Kirche unterwegs" seien bei den Harzgästen beliebt.
Was aber finden Menschen, die feststellen, dass die Kirche an ihrem Urlaubsort geöffnet ist, und einfach mal hineinschauen? Ein Flyer mit den Daten der Baugeschichte genügt nicht, meinten die Pfarrerinnen und Pfarreren der Propstei Bad Harzburg.

Angeregt von Pröpstin Katharina Meyer entwickelte ein „Arbeitskreis Tourismus" Ideen für einen „geistlichen Kirchenführer". Er sollte die Kirche und ihre Eigenheiten erschließen und für die Besucher diesen besonderen Raum zum Sprechen bringen. Bausteine mit Texten etwa zu Kanzel, Altar, Taufstein oder Maßwerk an den Fenstern sollten als Vorlage dienen und in der eigenen Kirche vervollständigt werden. Außerdem, so beschloss der Arbeitskreis, sollten die Texte auf einer Art Lesepult in den Kirchen genau an den beschriebenen Elementen platziert werden.

In der Bergkirche St. Bartholomäus in Blankenburg ist diese Idee bereits realisiert. Pfarrer Axel Lundbeck und seine Frau Claudia Lundbeck, Pfarrerin im Ehrenamt, haben ihre verlässlich geöffnete Kirche einladend gestaltet. Wer die Stufen am steilen Hang zur ehemaligen Klosterkirche hinaufgestiegen ist, trifft am Eingang auf das erste Pult: einen Kasten zum Aufklappen, an der Innenseite des Deckels ein ansprechend gestaltetes Blatt mit einer freundlichen Begrüßung und dem Jesuswort: „Ich bin die Tür". Dazu eine kurze Anleitung: „Die Kirche - ein Ort der Einkehr und des Gebets: Durchatmen, zur Ruhe kommen, meinen Platz finden, mich selbst finden, Gott finden. Seine Tür steht offen. Tritt ein!"

An insgesamt sieben Stationen können die Besucher solch ein „Schatzkästchen" öffnen. Sieben „Ich bin"-Worte Jesu leiten durch den Kirchenraum. "Ich bin der Weg" steht am Beginn des Mittelganges mit Blick auf den Altar. „Ich bin der gute Hirte" ist dem Triumphkreuz vor dem Chorraum zugeordnet, „Ich bin der Weinstock" der Kanzel, an deren Schaft sich Weinreben emporranken. „Ich bin das Licht der Welt" heißt es an den Stufen zum Chor, wo stets eine brennende Kerze steht und die Besucher selbst kleine Lichter anzünden können. „Ich bin das Brot des Lebens" lädt zum Abendmahl ein, das an der Predella des Altars abgebildet ist, und schließlich, am Epitaph für zwei Kinder aus der Barockzeit, weist „Ich bin die Auferstehung und das Leben" über den irdischen Tod hinaus.

Neben dem Bibelvers enthält jedes Kästchen eine kurze allgemein verständliche Erklärung bau- und kunstgeschichtlicher Art, auch eine Erläuterung der religiösen Symbole, dazu einen oder zwei meditative Texte und eine Anregung zur eigenen Besinnung. So heißt es zum Altar mit der Darstellung von Jesu Kreuzigung und Auferstehung: „Der Altar stellt den Betrachter in die Gegenwart Gottes. Leid, Ohnmacht, Tod sind da zu sehen, aber auch Freude und Jubel über Auferstehung und Rettung. Ich vor Gott - was berührt mich dabei?" Oder der Besucher wird ermutigt, seine eigenen Erfahrungen zu machen, etwa den Kirchenraum mit seinem Spiel von Licht und Schatten auf sich wirken zu lassen. Auch zum Mitnehmen finden die Besucher etwas in den Kästen: Zum Beispiel eine Karte mit dem „Wort zum Tage" an der Kanzel, am Eingang ein Faltblatt mit Legenden über den Namenspatron der Kirche, den Jesus-Jünger Bartholomäus, oder ein Gebet und eine Besinnung zum Thema Kerzen anzünden. Ganz neu ist ein Heft zum Mitnehmen „Kirche entdecken - Eine Anleitung zur Orientierung im Kirchenraum", in dem die Texte aus den „Schatzkästen" zusammengestellt sind.

„Wir wollen die Kirche zum Sprechen bringen, wenn niemand da ist, um sie zu erklären", sagt Axel Lundbeck. „Wir müssen ihr eine Sprache geben", ergänzt Claudia Lundbeck: „Wir müssen die Gegenstände in unserer Kirche predigen lassen." Denn in den Bauwerken selbst, in ihrer Ausstattung und ihren Kunstwerken stecken Aussagen des Glaubens, die heutzutage nur noch schwer zu entdecken und zu verstehen sind. Anleitung dazu, diese „Predigt" zu hören und zu verstehen, ist besonders in Blankenburg nötig, das bis zur Wende auf DDR-Gebiet lag und wo gerade noch elf Prozent der Einwohner evangelisch sind. „Hier hat die Kirche im Ghetto überlebt", sagt Pfarrer Lundbeck.

Aber auch die Kirchenbesucher in den anderen Touristenorten in der Propstei, in Kloster Michaelstein, in Walkenried, Hohegeiß, Wöltingerode und Bad Harzburg, bringen meist wenig Kenntnisse mit. Dafür aber umso mehr Interesse, hat das Pfarrerenehepaar beobachtet. „Bei den Führungen freuen sie sich über die Deutungen." Besonders in den Kirchen aus dem Mittelalter sei nichts zufällig, erklärt Axel Lundbeck. „Es ist hinter allem ein Geheimnis", sagt er und deutet auf das Lendentuch des Gekreuzigten, dem der Künstler die Farbe Gold verliehen hat. „Gold ist die Farbe des Himmels und deutet darauf hin, dass der Tod nicht das Ende ist."

Bei den Kirchenbesuchern sind die „Schatzkästen" zum Entdecken, Innehalten und Besinnen auf große Resonanz gestoßen. Viele haben sich im Gästebuch ausdrücklich dafür bedankt. „Eine Schatzkiste voller Perlen", hat jemand notiert.